Die ältesten Mitbewohner des Ozeans: Schwämme und Archaeen gründen 600-Millionen-Jahre-alten 'Flexitarier'-Club
Jeder, der schon einmal in einer WG gelebt hat, weiß: Harmonisches Zusammenleben ist eine seltene Kunst. Schmutziges Geschirr, aufgegessener Joghurt – Streit ist meist vorprogrammiert. Doch auf dem Meeresgrund teilen sich Meeresschwämme und winzige Archaeen seit über 600 Millionen Jahren dieselbe Wohnung – älter als Dinosaurier und Landpflanzen. Lange glaubten Forscher an einen peniblen Putzplan. Nun zeigt sich: Das Geheimnis ihrer ewigen Freundschaft ist die Liebe zum gemeinsamen Schlemmen!
In einer in Science Advances veröffentlichten Studie der Universität Wien wiesen Mikrobiologen mit NanoSIMS-Messungen nach, dass die ammoniakoxidierenden Archaeen keineswegs asketische Autotrophe sind. Sie sind anpassungsfähige „Flexitarier“, die sich liebend gerne an den verzweigtkettigen Aminosäuren ihres Schwammwirts bedienen!
🍽️ Das alte Lehrbuchmärchen vom ehrenamtlichen Hausmeister
Bisher hieß es: Der Schwamm filtert Seewasser und scheidet giftiges Ammoniak aus. Die Archaeen entsorgen den Giftstoff, oxidieren ihn zur Energiegewinnung und binden CO2 zu Biomasse. Ein lehrbuchhafter Tausch: „Ich putze deinen Müll, dafür darf ich bei dir wohnen.“
Die Isotopenanalysen enthüllten jedoch heimliche Beutezüge an den Kühlschrank des Vermieters:
- Fitness-Snacks im Meer: Die Archaeen nehmen verzweigtkettige Aminosäuren (BCAAs wie Leucin, Isoleucin und Valin) direkt auf – genau dieselben Eiweißbausteine, die Kraftsportler als Pulver shaken!
- Energiesparmodus: Komplexe Aminosäuren selbst herzustellen kostet Unmengen an Energie. Der fertige Snack vom Schwamm spart Stoffwechselenergie und sichert das Überleben bei Nahrungsknappheit.
- Überlebensstrategie Mixotrophie: Gibt es viel Ammoniak, arbeiten sie als braver Putztrupp. Gibt es organische Happen, schlagen sie als Feinschmecker zu. Diese Flexibilität half ihnen, fünf Massenaussterben der Erdgeschichte zu überstehen.
🌊 Globale Nährstoffkreisläufe im neuen Licht
Da Schwämme gigantische Flächen der Ozeanböden bedecken, zwingt diese Entdeckung Ozeanographen dazu, globale Modelle des marinen Stickstoff- und Kohlenstoffkreislaufs neu zu berechnen.
Wenn Sie sich das nächste Mal mit Mitbewohnern um den Kühlschrankinhalt streiten: Nehmen Sie sich ein Beispiel an Schwamm und Mikrobe – teilen Sie die Proteine und halten Sie zusammen!
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